Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Christoph Columbus entdeckte Amerika im Jahre 1492. In jenem Jahr feierte die toskanische Banca Monte dei Paschi di Siena bereits ihren zwanzigsten Geburtstag. Das Bankhaus hat in seiner Geschichte zweifellos viele bedeutende Männer kommen und gehen sehen und sicherlich auch einige wirre Zeiten überlebt. Jetzt, nach gut 540 Jahren, die meisten der um 1472 oder später gepflanzten Bäume dürften langst nicht mehr leben, muss auch die älteste Bank der Welt sich tief in ihr Wurzelwerk krallen, um nicht unterzugehen. Aktuell fehlen dem Geldhaus, das immerhin 32.000 Mitarbeiter beschäftigt und eine Bilanzsumme von mehr als 200 Milliarden Euro ausweist, rund 1,3 Milliarden Euro.

Schuldenkrise knabbert sich nach Norden

Das Italien seit einiger Zeit permanent am Rand der Schuldenkrise, die sich langsam aber sicher nach Norden frisst, entlang schrammt ist bekannt. Mit der Banca Monte dei Paschi di Siena scheint jetzt das erste Finanzinstitut Italiens einen Schritt weiter zu gehen, man steht jetzt nicht mehr am Rand, sondern direkt am Abgrund. Die Bank geriet in den Strudel der Schuldenkrise, weil sie auf einem Berg italienischer Staatsanleihen in Höhe von über 25 Milliarden Euro hockt, die bis heute immer mehr an Wert verlieren. Hinzu kommt noch der eine oder andere Problemkredit.

Derzeit deutet alles darauf hin, dass das drittgrößte Kreditinstitut des Landes Staatshilfe beantragen wird. Es wäre das erste Institut des Landes mit einem derartigen Ansinnen seit dem Ausbruch der Schuldenkrise. Laut vertraulichen Informationen verhandelt das Institut derzeit mit der Notenbank und dem zuständigen Ministerium über den Verkauf staatlicher Anleihen im Wert von mehr als einer Milliarde Euro. Das Hauptinteresse der Bank besteht darin, bei der Kreditaufnahme günstigere Zinssätze zu erhalten, als dies bei einer Kreditaufnahme am Markt möglich wäre. Derzeit kann man in der Bank noch hoffen, die staatliche Seite hat bisher noch nicht offiziell abgelehnt.

Damit bilden sich erste Risse in der Fassade der bisherigen wirtschaftlichen Musterschüler. In den vergangenen Jahren war man in der italienischen Bankenwelt unter anderem ganz besonders stolz darauf, keine Milliarden auf dem amerikanischen Immobilienmarkt versenkt zu haben und unter anderem deshalb auch nicht vom Staat gerettet werden musste. Im Vergleich zu spanischen, britischen und deutschen Instituten blieb man im ruhigen Fahrwasser und steuerte gemächlich und ohne Aufschrei durch die Krise. Damit dürfte es jetzt vorbei sein. Neben den 1,3 Milliarden, die sofort benötigt werden, um das Überleben zu sichern, sind weitere 2,6 Milliarden notwendig, um das Bankhaus zu sanieren. Entsprechend verschiedener Informanten möchte Rom für die Hilfe Zinsen zwischen 9 und 15 Prozent. Da man ohnehin ja bereits Liquiditätsprobleme hat, dürften die Rückzahlungen in Form von Aktien der Bank erfolgen, wodurch der italienische Staat Miteigentümer würde.

Das Übliche: Größenwahn

Ein Grund für die inzwischen eingetretene Schieflage ist der Größenwahn der vergangenen Jahre, der womöglich auch ein Grund dafür war, dass man sich an den spekulativen Anlagen in amerikanische Immobilien nicht beteiligte. Man war vielmehr damit beschäftigt, den nationalen Mitbewerbern Paroli zu bieten und kaufte 2007 die Banca Antonveneta. Das Institut kostete schlappe 9 Milliarden Euro, von denen man glaubte, sie aus der Portokasse bezahlen zu können. Zum einen war der Kaufpreis, wie sich inzwischen herausgestellt hat, arg überzogen, zum anderen war die Portokasse dann doch nicht so gut gefüllt, wie man sich das vorgestellt hatte. Die Übernahme erwies sich als problematisch, die Reserven der Monte die Paschi waren mehr als aufgebraucht, sodass sich die Europäische Bankenaufsicht einschalten musste.

Zusätzlich wurde inzwischen bekannt, dass die Bank an riskanten Derivatewetten beteiligt war, mit denen man 730 Millionen Euro in den Sand gesetzt hat. Das hatte natürlich Auswirkungen auf das Eigenkapital, welches sich entsprechend verringert. Inzwischen deutet einiges darauf hin, dass das Management der Bank gegen geltende Gesetze verstoßen hat. So hat die Staatsanwaltschaft Beweismaterial zusammengetragen, mit dem der Führungsetage der Bank nachgewiesen werden kann, dass sie die Bankenaufsicht falsch informiert hat. So habe man 2008 seitens der Bank Papiere mit dem Namen „Fresh“ im Wert von einer Milliarde Euro über die US-Bank JPMorgan an Investoren verkauft und diese, auch gegenüber der italienischen Notenbank, als Eigenkapital angegeben, obwohl es sich dabei um einen Kredit gehandelt haben soll.

Rätselhafter Selbstmord

Inzwischen ist es im italienischen Bankenskandal zu einem weiteren traurigen Höhepunkt gekommen. Am Mittwochabend stürzte sich der Pressesprecher der Bank, David Rossi, im Alter von 52 Jahren aus dem Fenster seines im vierten Stock liegenden Büros. Als Hinweis auf die Hintergründe fand sich lediglich ein Zettel im Papierkorb von Rossi mit der handschriftlichen Nachricht an seine Frau: „Ich habe eine Dummheit begangen.“ Bisher wirft der Selbstmord Rossis mehr Fragen auf, als dass er welche beantwortet. Er gehörte nicht zu den Personen, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelte. Seine Wohnung und sein Büro wurden nur im Zuge allgemeiner Ermittlungen durchsucht. Freunden gegenüber hatte er zuletzt geäußert: „Wenn ich mit den Verfahren ein Problem hätte, würde ich nicht im Amt bleiben.“